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Finanzwissen

Bill Gross, der König der Anleihen

Als Pionier machte Bill Gross den aktiven Anleihenhandel salonfähig und sich selbst zum telegenen Investment-Superstar - bis ihn seine Hybris einholte.

  • von Wendy Cooper, Gastautorin
  • Datum
  • Lesezeit 5 Minuten

Ein Mann im Anzug und mit Krawatte steht vor mehreren Monitoren, auf denen Finanzdiagramme und -daten zu sehen sind.
Anleihenkönig Bill Gross lernte beim Glücksspiel, Emotionen zu beherrschen und Marktineffizienzen zu nutzen - bis sie ihm zum Verhängnis wurden, so seine Biographin. © photo courtesy of Bill Gross

Früher galt der Anleihenmarkt als langweilig und statisch. Im Gegensatz zu Aktien wechselten Anleihen kaum die Hand. Sie waren berechenbar, wurden in Tresoren verwahrt und per Post an die Käufer verschickt - meist Versicherer und Pensionsfonds, welche die Papiere zur Absicherung künftiger Verpflichtungen hielten.

Das änderte sich grundlegend, als Bill Gross 1971 die Pacific Investment Management Co. (Pimco) gründete.

Händler und Innovator

Gross erkannte das Potenzial, Anleihen aktiv zu handeln und damit den Markt zu revolutionieren. So schuf er neue Möglichkeiten für Unternehmen, Kapital zu beschaffen.

Gemäss Lehrbuch steigt der Preis einer Anleihe, wenn die Zinsen sinken. Und weil die Zinsen jahrzehntelang sanken, erzielten Gross und sein Team enorme Gewinne.

Um den Aufstieg und Fall des "Königs der Anleihen" ranken sich zahlreiche Legenden.

1987 gründete Gross den Total Return Fund, den er auch selbst verwaltete. Rasch wurde er zum Flaggschiff von Pimco - und zu einem der grössten Investmentfonds der Welt. Zu seiner Spitzenzeit war er fast USD 300 Milliarden schwer und übertraf seinen Vergleichsindex um 140 Basispunkte.

Das Pimco-Team gab sich deutlich risikofreudiger als vergleichbare Fonds. Es expandierte in eher exotische Gefilde wie Derivate, hypothekenbesicherte Wertpapiere (Mortgage Backed Securities) und Schrottanleihen (Junk Bonds). Dabei profitierte es von Gross' Fähigkeit, "komplexe Ideen einfach und verständlich auszudrücken", wie es ein ehemaliger Kollege formulierte.

Glanz und Gloria

Buchdeckel mit dem Titel „Bill Gross on Investing“
Bill Gross' wegweisendes Buch erschien 1998.

In den neunziger Jahren erlangten seine Bücher, "Bill Gross on Investing" (Bill Gross übers Anlegen) und "Everything You've Heard About Investing is Wrong!" (Alles, was Sie über Investitionen gehört haben, ist falsch!), grosse Popularität. 

Gross wurde zum Stammgast im Fernsehen. Seine Leidenschaft für die Philatelie steigerte seine Bekanntheit weiter: Die William H. Gross Stamp Gallery im Smithsonian National Postal Museum ist die weltweit grösste Briefmarkenausstellung.

2002 krönte das Magazin Fortune Bill Gross zum "König der Anleihen". 2010 kürte ihn das Analysehaus Morningstar zum "Fondsmanager des Jahrzehnts". Es attestierte ihm, "mehr Geld für die Menschen verdient zu haben als jeder andere Fondsmanager".

Auch bei der US-Regierung fand Gross Gehör. Nach der Finanzkrise 2008 beriet er das US-Finanzministerium in Sachen Subprime-Hypothekenanleihen. Er wurde zu einem der lautesten Befürworter des Public-Private Investment Program (PPIP) der Obama-Regierung, das private Investorinnen und Investoren zur Rettung des maroden Bankensystems heranzog.

Das Ende einer Ära

Nur fünf Jahre später wendete sich das Blatt für Gross. Nach einer Phase schlechter Anlageergebnisse zerstritt er sich heillos mit dem Vorstandsvorsitzenden von Pimco, Mohammed El-Erian. Beide verliessen das Unternehmen 2014. Im folgenden Jahr reichte Gross Klage gegen Pimco ein und behauptete, eine "Kabale unangemessener, unehrlicher und unethischer" Manager habe ihn aus dem Amt gedrängt.

Der Rechtsstreit endete 2017 zugunsten von Gross. Er erhielt USD 81 Millionen Schadenersatz, die er für wohltätige Zwecke spenden wollte.

Ein Mann in Anzug und Krawatte unterhält sich mit einer anderen Person, frontal aufgenommen.
Wie Gross verliess auch Pimco-Vorstandschef Mohammed El-Erian das Unternehmen, nachdem es zum offenen Streit zwischen den beiden kam. El-Erian berät nach wie vor die Allianz, zu der Pimco gehört. © Oliver Ruether/laif

Danach wechselte Gross zu Janus Henderson Investors (damals Janus Capital Group). Doch die goldenen Zeiten am Anleihemarkt waren vorbei. Zudem musste Gross eine ganz andere Art von Fonds verwalten. Er genoss mehr strategische Freiheiten als bei Pimco, aber auch die Erwartungen der Investoren waren höher. So soll George Soros USD 500 Millionen eingeschossen haben.

Gross verspekulierte sich mit Zinswetten und Staatsanleihen und häufte Verluste an. Bis er sich 2019 im Alter von 76 Jahren aus dem aktiven Fondsmanagement zurückzog.

Mythen und Mutmassungen

Um den Aufstieg und Fall des "Königs der Anleihen" ranken sich zahlreiche Legenden. Für manche Kritikerin und Kritiker ist der sagenumwobene Erfolg von Bill Gross bei Pimco vor allem dem Zufall zu verdanken: Seine Karriere fiel perfekt in eine Phase historisch einmaliger Zinssenkungen.

Fünf Männer in Anzügen mit Akten vor einem Gebäude; historische Aufnahme.
Gross (links, mit den ersten vier Managing Directors von Pimco) studierte Psychologie, versuchte sich als professioneller Blackjack-Spieler und diente in Vietnam, bevor er 1971 Pimco mitgründete. In einer Ära sinkender Zinsen erzielte das Unternehmen jahrelang hohe Gewinne. © photo courtesy of Bill Gross

Darüber hinaus behaupten Skeptikerinnen und Skeptiker, dass der Total Return Fund von Pimco ab einer gewissen Grösse mehr Beta (Gesamtrendite des Markts) als Alpha (Zusatzrendite, die aktive Manager gerne ihren einzigartigen Fähigkeiten zuschreiben) lieferte. Demnach hätte ein günstiger Indexfonds genauso gut abgeschnitten. Neuere Untersuchungen bestätigen jedoch, dass der Pimco-Fonds in guten Marktphasen tatsächlich eine bessere Alpha-Rendite erwirtschaftete.

Mitschuldig an seinem Niedergang könnte aber auch seine exzentrische Persönlichkeit sein. 2019 gab Gross bekannt, am Asperger-Syndrom zu leiden. Die schillernden Details der Scheidung von seiner zweiten Frau 2018 hielten die Klatschkolumnistinnen und -kolumnisten auf Trab. Und 2020 sorgte Gross erneut für Schlagzeilen in der Boulevardpresse, als er und seine dritte Frau ihren Nachbarn im kalifornischen Laguna Beach wegen "Spanner-Verhaltens" verklagten.

Ein genialer Investor

Trotz aller Kontroversen bescheinigen viele Expertinnen und Experten Gross herausragende Fähigkeiten als Investor. Laut der erwähnten Fortune-Story verstand er das Risiko und vor allem die Duration von Anleihen besser als die meisten anderen. Die Duration gibt an, wie viele Jahre es dauert, bis die tatsächlichen Kosten einer Anleihe wieder eingespielt sind. Je länger die Duration, desto stärker reagiert der Kurs auf Zinsänderungen. Deshalb neigen vorsichtige Anlegerinnen und Anleger dazu, kürzere Laufzeiten zu wählen - während Gross häufig auf längere Laufzeiten setzte.

Ein Mann in einem Sitzungszimmer blickt auf Papierstapel aus einem Matrixdrucker; neben ihm steht ein Telefon.
Bill Gross: "ein System - und das System funktionierte". © photo courtesy of Bill Gross

Mary Childs, Autorin von "The Bond King: How One Man Made a Market, Built an Empire and Lost It All" (Der Anleihenkönig: Wie ein Mann einen Markt gemacht, ein Reich geschaffen und alles verloren hat), untersuchte die Performance von Bill Gross mit ähnlichen Parametern wie sie schon für Warren Buffetts "Track Record" verwendet wurden. Das Ergebnis: Während seiner Zeit bei Pimco nutzte Gross "ein System und das System funktionierte".

Den Schlüssel zu seinem Erfolg sieht die Finanzjournalistin vor allem darin, "Marktineffizienzen zu erkennen und daraus profitable Strategien zu entwickeln". Warum hat ihn diese Fähigkeit letztlich im Stich gelassen? Ganz einfach, weil er sich von seinen Emotionen überwältigen liess, vermutet Mary Childs.

Psychologie und Blackjack

1943 in Middletown, Ohio, geboren, studierte Bill Gross zunächst Psychologie an der Duke University. Danach versuchte er sich kurzzeitig als professioneller Blackjack-Spieler in Las Vegas. 1966 trat er in die US-Marine bei und diente in Vietnam.

Seine Erfahrungen mit dem Glücksspiel hätten ihn gelehrt, seine Emotionen im Zaum zu halten und nicht zu viele Wetten mit hohem Einsatz zu platzieren, betonte er oft. Doch das konnte letzten Endes nicht verhindern, dass ihn seine Gefühle einholten.

Heute gibt sich Gross gelassen, philosophisch - und sogar ein wenig bescheiden. Als Milliardär und Philanthrop hat er über seine Familienstiftung mehr als USD 700 Millionen an verschiedene Bildungs-, Kultur-, Gesundheits- und Gemeindeorganisationen gespendet und sich verpflichtet, den Grossteil seines Vermögens wohltätigen Zwecken zu widmen.

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