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Market View & Insights
Viele Länder haben mit einer alternden Bevölkerung und deren wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Auswirkungen zu kämpfen. Eine mögliche Antwort: das Zeitbank-System. Es wird zunehmend beliebter, kann aber die Herausforderungen der Betreuung alter Menschen nicht alleine bewältigen.
Eine Zeitbank ist ein Austauschsystem für Dienstleistungen ohne Geldvergütung bzw. Gewinnabsicht. Wer freiwillig älteren Menschen hilft, kann diese Stunden wieder einlösen, wenn man selbst Hilfe benötigt. Dieser interessante Lösungsansatz für die Bedürfnisse der immer älter werdenden Gesellschaft wird in Europa immer beliebter.
Währenddessen lancieren Länder wie Japan auch ganzheitliche Dienstleistungen, die auf mehr als bloss die unmittelbare Gesundheit älterer Menschen einzahlen - so etwa Hilfe beim Einkaufen oder der Hausarbeit. Solche Länder integrieren diese Services sogar in umfassenden staatlichen Sozial- und Gesundheitsfürsorgepläne für alle Bürgerinnen und Bürger.
Hier stellen wir zwei unterschiedliche Programme vor: ein auf Freiwilligenarbeit basierendes Zeitbank-System in Österreich und die staatliche japanische Langzeitpflegeversicherung.
Beim Programm "Zeitpolster" werden Ältere oder Menschen mit Behinderung in Österreich von Ehrenamtlichen im Alltag unterstützt - ob bei Einkäufen oder im Garten. Benötigt ein Helfer oder eine Helferin später einmal selbst Hilfe, können sie ihrerseits Unterstützung im entsprechenden Umfang beanspruchen. "Mitteleuropa wird alt", sagt Gernot Jochum-Müller, der Zeitpolster 2018 gegründet hat. "Das gilt nicht nur für Österreich, sondern genauso für die Schweiz, Deutschland und alle umliegenden Länder." Kurz gesagt: Die Bevölkerung altert, die Menschen leben länger, und es gibt weniger junge Menschen, die den Älteren helfen können. "Mit einer Gesamtfruchtbarkeitsrate von 1.7 haben wir zu wenige Nachkommen", fügt Jochum-Müller hinzu, "Gleichzeitig steigt die Lebenserwartung."
Auch andere demografische Veränderungen spielen eine Rolle. Durch die vielen aus dem Arbeitsleben ausscheidenden Baby-Boomers steigt die Zahl der Pensionierten sprunghaft an. Zudem sind Eltern nicht mehr so jung wie früher - wenn sie im Alter Unterstützung benötigen, sind ihre Kinder noch voll berufstätig und haben keine Zeit für die Pflege. "Vor fünfzig Jahren lebten die Kinder auch nach der Hochzeit in der Nähe ihrer Eltern. Wo leben sie heute? In der ganzen Welt", sagt Jochum-Müller. Und die früher vermeintlich in Stein gemeisselte Regel, dass sich die Tochter oder Schwiegertochter um die alternden Eltern kümmert, ist nicht mehr zeitgemäss. "Deshalb brauchen wir neue Modelle für die Unterstützung - und eine Lösung dafür ist Zeitpolster."
Das Zeitbanking ersetzt kein Pflegesystem - aber es hilft, Lücken zu schliessen.
Die österreichische Gesundheitsversorgung beinhaltet zwar bereits ein steuerfinanziertes Langzeitpflegesystem für ältere Menschen, doch das Zeitbanking hilft, vorhandene Lücken zu schliessen. "Wir sind keine Krankenschwestern, wir sind Freiwillige", betont Jochum-Müller. Zeitpolster arbeitet mit Freiwilligen, die einfache Aufgaben wie Hilfe im Haus oder Garten, Kinderbetreuung und Fahrten zum Arzt oder anderen Terminen übernehmen. "Wir helfen mit einfachen Dingen. Und machen so den Tag zu einem guten Tag."
Einsamkeit und Isolation sind unter älteren Menschen weit verbreitet. "Doch wenn sie um Unterstützung bitten, scheuen sie sich davor, sich ihre Einsamkeit einzugestehen", so Jochum-Müller. "Es ist nicht einfach; Einsamkeit ist ein sensibles Thema." Seine Kundinnen und Kunden kommen oft gar nicht auf die Idee, einfach jemanden auf eine Tasse Kaffee einzuladen und etwas zu plaudern.
Zeitpolster baut kleine, lokale Gruppen mit 60 bis 100 Freiwilligen auf, die geschult werden und von denen drei bis fünf die Leitung übernehmen. Derzeit gibt es 1500 freiwillige Helfende und 1600 Menschen, die Betreuung benötigen. Die 45 Gruppen von Zeitpolster sind in sieben der neun Bundesländer Österreichs aktiv, weitere 100 Teams sind geplant.
"Wir wachsen jedes Jahr, langfristig möchten wir in jedem österreichischen Bezirk eine Gruppe haben", erklärt Jochum-Müller. Das erfordert die Koordination mit der Regierung, den Gemeinden und anderen Organisationen. "Man muss mit den Menschen in der Gemeinde zusammenarbeiten, um Vertrauen aufzubauen. Das ist ein Prozess."
60 bis 70 % der Zeitpolster-Freiwilligen haben sich zuvor noch nie ehrenamtlich engagiert, die meisten von ihnen sind über 50 Jahre alt. In der Regel sind die Freiwilligen gesund, stehen kurz vor oder sind bereits im Ruhestand - und werden sich in dieser Phase bewusst, dass sie selbst Hilfe brauchen, wenn sie älter werden.
Jochum-Müller und sein Team entwickelten das Zeitpolster-Modell als "soziales Franchise", das in verschiedenen Ländern eingeführt werden kann. Sie haben bereits ein Franchise-System in Liechtenstein aufgebaut, wo sie die Einheimischen bei der Umsetzung unterstützen. In Liechtenstein gibt es derzeit 310 pflegebedürftige Menschen und 270 Helferinnen und Helfer. Das ist eine beachtliche Zahl, wenn man bedenkt, dass Liechtenstein ein kleines Gebiet mit einer Bevölkerung von bloss 30'000 ist.
Aktuell klären sie eine Lancierung in Deutschland ab. Aber auch aus anderen Ländern erhält Zeitpolster regelmässig Anfragen. "Wir brauchen neue Lösungen für die Unterstützung älterer Menschen, denn die Nachfrage ist sehr gross."
Japan hat die älteste Bevölkerung der Welt. Das hat tiefgreifende Auswirkungen auf die Wirtschaft, die Arbeitskräfte und die Gesellschaft: Fast ein Drittel der 124.5 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner ist über 65 Jahre alt. Das sind über 36 Millionen Menschen - und mehr als jede zehnte Person ist heute 80 Jahre alt oder älter.
Japan ist auf dem besten Weg, die älteste Gesellschaft der Welt zu werden. Gleichzeitig ist das Land mit einem Geburtenrückgang und einer schrumpfenden Bevölkerung konfrontiert. Die Welt blickt auf den Inselstaat, denn Japan befinde sich an einem existenziellen Scheideweg, so die Wissenschaftler Yoshiko Someya und Cullen T. Hayashida in ihrem 2022 erschienenen Bericht "The Past, Present and Future Direction of Government-Supported Active Aging Initiatives in Japan: A Work in Progress".
In Japan gab es bereits früher ein Zeitbank-System namens Fureai Kippu, was so viel bedeutet wie "Ticket für eine Pflegebeziehung". Es wurde 1973 eingeführt und zielte darauf ab, die Pflege älterer Menschen durch den Austausch von Zeitguthaben zu ermöglichen.
Solche Systeme waren landesweit verbreitet und variierten in Umfang und Grösse. "Leider gibt es keine formalen Studien oder empirischen Daten über die Nutzung von Zeitbank-Systemen in Japan, sodass ihre direkten Auswirkungen weitgehend unbekannt sind", so Mayumi Hayashi vom King's College London.
Das Fureai-Kippu-Konzept galt als erstes Beispiel für Zeitbanking. Es wurde in den 1990er Jahren weiterentwickelt und durch die im Jahr 2000 von der Regierung eingeführte Langzeitpflegeversicherung (LTCI) abgelöst.
Dennoch wurde Fureai Kippu zum oft zitierten Vorbild für andere Länder, die eigene Zeitbank-Programme entwickelten, darunter auch Grossbritannien. Im Jahr 2006 lud Gernot Jochum-Müller von Zeitpolster einen Trainer der japanischen Sawayaka Foundation ein, um in einem Workshop das Fureai-Kippu-System in Österreich zu vermitteln.
Die Versicherung LTCI ist ein nationales Programm, mit dem in Japan die längerfristige Pflege älterer Menschen gesichert werden soll. In das Programm sind medizinische Langzeitpflege und Sozialleistungen integriert. Damit soll entsprechend dem Solidaritätsprinzip die Last der Pflege von der Familie ein Stück weit auf die Gemeinschaft verlagert werden. Die Kosten werden zu gleichen Teilen durch Steuern und Versicherungsprämien gedeckt.
Die Pflegeversicherung ist für alle Personen über 40 Jahre obligatorisch, Versicherer sind die Gemeinden. Für Personen unter und über 65 Jahren gelten jeweils unterschiedliche Regeln. Für über 65-Jährige sind die in Anspruch genommenen Leistungen gebührenpflichtig. Die Gebühren richten sich nach dem Einkommen und beginnen bei zehn Prozent. Der Restbetrag wird von der Regierung übernommen. Das im Lauf der Jahre immer wieder aktualisierte System ist in Bezug auf Deckungsumfang und Leistungen im Vergleich zu anderen Ländern recht grosszügig.
Die Welt schaut auf Japan - wie begegnet das Land Alterung, sinkenden Geburten- und Bevölkerungszahlen?
Mit einer Bedarfserhebung wird festgelegt, welche Leistungen im Einzelfall erbracht werden sollen. Diese sind nicht nur direkt auf die Gesundheit bezogen, sondern umfassen etwa auch Hilfe beim Einkaufen, Putzen, Kochen und andere Arten von Hausarbeit. In einigen Gemeinden gibt es Dienstleistungen, die von Freiwilligen erbracht werden, zum Beispiel Fahrten zu Krankenhäusern. Diese werden aber nicht über ein Zeitkonto abgewickelt. "Soweit ich weiss, gibt es heutzutage keine Zeitbank-Programme", sagt Yoshiko Someya vom Health & Medicine Paradigm Shift Consortium (HMPSC) in Tokio. Sie fügt hinzu, dass es jedoch möglich ist, zusätzliche Dienstleistungen auf eigene Kosten von Pflegedienstleistern zu beziehen.
Und was tun die Japaner, um die Einsamkeit zu lindern? Die Regierung hat landesweite Massnahmen für ältere Menschen getroffen und zum Beispiel Seniorenzentren und Seniorenkollegs gegründet, die ältere Menschen dabei unterstützen sollen, sowohl körperlich als auch geistig aktiv zu bleiben.
Im März 2023 betrug die Zahl der pflegebedürftigen Menschen in Japan etwa 6.9 Millionen, gegenüber 5.8 Millionen im Jahr 2014. Dies entspricht 5.5 % der derzeitigen Bevölkerung. Prognosen zufolge könnten 2040 zehn Millionen Menschen 85 Jahre oder älter sein - bei einer Gesamtbevölkerung von dann noch 110 Millionen. Dies wird mit ziemlicher Sicherheit einen weiteren starken Anstieg der Zahl der Pflegebedürftigen bedeuten. Selbst mit dem LTCI-System der Regierung stellt sich die Frage: Werden Robotik, Einwanderung oder sogar wiederbelebte Zeitbank-Systeme erforderlich sein, um die damit verbundenen Herausforderungen zu bewältigen?